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Mias Hochzeit

"Mia? Mia, wo bleibst du denn?"


Eigentlich sollte es ein schöner Tag sein, dachte Mia, als sie aus dem Wagen stieg. Die Sonne sollte scheinen, die Vögel singen und die Farben leuchten. Stattdessen goß es in Strömen, die Vögel hatten sich alle dort versteckt, wo der Wind sie nicht peitschen konnte, und die Welt zeigte sich in einem ungemütlichen, feuchten Grau.
Ihr Vater hielt ihr einen Regenschirm hin, damit das teure Kleid auf den wenigen Metern zur Tür nicht zu nass wurde. Sie gingen schnell hinein, und dennoch trieb ein Windstoß einen kräftigen Schauer unter den Schirm, dass ihr Kleid von den Schultern abwärts durchnässt war. Als sei eine höhere Macht gegen ihr Vorhaben.
Drinnen führte die Mutter sie geschwind in einen separaten Raum und lamentierte über den nassen Stoff, zog hier eine Falte glatt und strich dort über die Spitze. Dabei fragte sie jede vorbeikommende Verwandte nach einem Fön, den natürlich niemand dabei hatte.
Mia betrachtete sich im Spiegel, während Tanten, Cousinen, Schwägerinnen und natürlich ihre Mutter um sie herum wuselten und sie wieder und wieder beglückwünschten.
Glückwünsche? Sicher sah sie sehr schön aus in dem Kleid aus cremefarbener und weißer Seide, mit Spitzen und Perlen besetzt –echten Perlen, darauf hatte ihre Mutter bestanden! Ihre Rehaugen wirkten unter dem Spitzenschleier, der ihr hochgestecktes, braunes Haar verbarg, noch riesiger aus als sonst. Mia fand, sie blickten ängstlich.
War sie ängstlich? Sie war sich nicht sicher. Seit sie am Morgen aufgestanden war, fühlte sie sich schon… -seltsam. Als würde ihr Körper heute nicht ihr gehören. Wie ein Automat hatte sie sich gewaschen, gefrühstückt und war in diesen Traum von einem Kleid gestiegen. Aber was hatte sie dabei gefühlt?
Ein Blitz zuckte, und Donner rollte über den Himmel. Die Brautjungfern, die Töchter von Mias zwei älteren Schwestern, erschraken und kicherten albern. Ihre Mütter standen am Fenster und diskutierten über die dritte Schwangerschaft der ältesten. Tante Agathe saß auf einem Stuhl und nahm ihr Stärkungsmittel. Tante Cornelia war mit der Mutter auf der Suche nach einem Fön verschwunden. Und Frau Hernebrook musterte sie von der anderen Seite des Raumes aus. Kritisch. Selbstzufrieden.
Zufrieden, dass ihr Sohn mit Mia eine gute Partie abbekam. Genauso befriedigt wie Mias Mutter, die zufrieden war, dass ihre jüngste Tochter mit Michael Hernebrook eine gute Partie abbekam.
Caspar wäre keine gute Partie gewesen. Er war zu arm, zu politisch, zu links und zu unkonventionell.
Warum dachte sie jetzt an Caspar? Mia blinzelte. Sie glaubte, Caspars Gesicht vor sich sehen zu können, im Spiegel, wie bei einem doppelt belichteten Photo. Sie blinzelte nochmals.
Sie dachte an eine Sommerwiese, wo Klee blühte und hohes Gras sich im Wind wiegte. Sie vermeinte fast, ihren Duft zu riechen. Die Wiese am See, wo sie Caspar kennengelernt hatte. Wo sie einen wundervollen Sommer verbracht hatten. Zwei Jahre war das bald her.
Sie ging auf die Toilette. Sie wollte nicht, dass ihre Verwandten sähen, dass sie zitterte und ihr die Beine nachzugeben drohten. Und vor allem nicht ihre Schwiegermutter.
Sie hatte Michael in einer Jura-Vorlesung kennengelernt, in diesem schrecklichen Winter nach dem wundervollen Sommer. Sie hatte in ihm einen Rettungsanker gefunden, nachdem ihr Leben in Scherben gefallen war. Er hatte sie festgehalten, als sie auf dem Brückengeländer stand; hatte sie gehalten, als sie ein Meer von Tränen vergoß; hatte sie, mit viel Geduld und Beharrlichkeit, im Frühjahr wieder zum Lachen gebracht. Sie waren zusammen spazieren gegangen und ins Kino; ins Theater und auf Konzerte, und jetzt stand er sicher draußen an der Kirchentür, um die Gäste zu begrüßen, während sie sich in der Toilette eingeschlossen hatte.
Jemand klopfte. Ihre Mutter, die meinte, dass sie zwar keinen Fön gefunden habe, aber Mia trotzdem nur rasch herauskommen solle. Es wäre bald soweit.
War das die übliche Nervosität vor einer Hochzeit, fragte Mia sich. Caspars Bild wollte nicht vor ihren Augen verschwinden. Er wolle nie heiraten, hatte er damals am See zu ihr gesagt. Die Ehe sei nur eine Fessel der Gesellschaft, mit der Kirche und Staat die Menschen davon abhielten, in Freiheit zu leben. Überhaupt war die Freiheit für ihn das Wichtigste gewesen, und er hatte Mia gezeigt, was das bedeutete. Sie waren mit seinem klapprigen VW Bully einmal weggefahren, an die Adria, und niemand hatte gewusst, wo sie waren. Mias Mutter war halb wahnsinnig vor Angst, ihr Vater ein wütender Donnergott, als sie wiederkam, doch da war sie wirklich frei gewesen.
Das Zittern wurde immer stärker. Mia sah Tropfen auf die Seide in ihrem Schoß fallen. Weinte sie?
Nein, nicht daran denken…
Doch die Bilder drängten sich auf. Die Blaulichter, Sirenen, die schreienden Sanitäter am Ende ihrer Straße. Die Feuerwehr mit der Motorsäge, die durch Metall schnitt. Funken in der Nacht. Neugier und Schaulust hatte sie näher gezogen.
Der resignierte Blick des Notarztes, als er den Kreis der Helfer verließ. Caspars Bully, in einer engen Umarmung mit einem braunen Volvo Kombi. Caspar, hinter dem Steuer seines Bully. Das Gesicht blaß, doch so ruhig, als ob er nur schlafe.
Später sagte man Mia, dass sein Genick sofort gebrochen gewesen sei, dass man nichts mehr für Caspar habe tun können. Doch die Bilder hatten ihren Geist gefesselt, hielten sie gefangen in einer Spirale aus Angst und Selbstvorwürfen.
Warum hatte sie ihn gebeten, zu ihr zu kommen? Wäre er nicht auf dem Weg zu ihr gewesen, hätte er nicht mit dem Volvo zusammenstoßen müssen. Wäre sie zu ihm gekommen, wäre das nicht passiert. Hätte sie seine Philosophie der Freiheit nur damals schon verstanden…
Doch das hatte sie nicht. Sie verstand sie erst jetzt.
Daß wahre Freiheit bei der Freiheit des Denkens begann.
Daß man seinem Herzen folgen musste, um frei zu sein.
Daß man auch manchmal einsam und verletzt sein wird, wenn man frei ist.
Daß dieser Schmerz einen aber auch stark machte, um frei zu bleiben.
Daß man für sich alleine stehen können musste, um frei zu sein.
Daß man nicht frei sein kann, wenn man einem anderen Menschen gehört.
Für Michael empfand sie Freundschaft, sicherlich auch Dankbarkeit, dass er sie wieder ins Leben geholt hatte. Es war nicht dieselbe Freundschaft wie damals zu Caspar, und ganz sicher war es keine Liebe.
War Dankbarkeit ein ausreichender Grund zu heiraten?

Als der Schlüsseldienst eine Stunde später die Tür aufbrach, fanden Mias Mutter und die wütende Frau Hernebrook ein traumhaftes Seidenkleid, einen Schleier und ein offenes Fenster –aber keine Mia.


© by Oile 2004

Why worry?
There are only two things to worry about:

Either you're well, or you're sick.

If you're well, there's nothing to worry about.

If you're sick, there are two things to worry about:

Either you get well, or you die.

If you get well, there's nothing to worry about.

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If you go to Hell, you will be so damn busy shaking hands with your friends, you won't have time to worry.
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